Akzeptieren lernen

Irgendwann kommt der Tag, an dem man nicht mehr weiter nach einer Heilung sucht. Man will nicht mehr von Arzt zu Arzt rennen um am Ende doch immer nur dieselbe Ratlosigkeit zu sehen. Du kommst dann an den Punkt, wo du ganz genau weißt: Das war’s. Hier ist die Reise (vorerst) zu Ende. Und dann fängst du an zu realisieren, dass du die nächsten (wenn’s gut läuft) 70 Jahre irgendwie mit dieser Krankheit und den Beeinträchtigungen leben musst. Du musst deine Situation akzeptieren.

Andere bremsen

Eine Schwierigkeit beim Akzeptieren seiner Krankheit ist die Tatsache, dass immer irgendwer irgendwo jemanden kennt, der schonmal sowas ähnliches hatte (Rückenschmerzen zum Beispiel) und dem der und der helfen konnte. Und du willst das alles gar nicht mehr hören. Du willst nicht Kontakt zu einem weiteren Arzt aufnehmen, deine Geschichte (die mittlerweile wahrscheinlich ein halbes Buch füllen könnte) noch ein weiteres Mal erzählen. Du willst einfach nur deine Ruhe und nach vorne blicken. Deshalb musst du deine Freunde und Bekannte, deine Kollegen und deine Familie gezielt bremsen. Erkläre ihnen ganz ruhig und sachlich, dass du nach Vorne gucken willst.

Reden

Jeder Mensch akzeptiert die Schicksale von Menschen, die einem sehr wichtig sind, auf seine eigene Art und Weise. Aber einige Dinge solltet ihr jedem dieser Personen klar machen. Sprecht darüber, wenn es euch (seelisch) mit der Unheilbarkeit nicht gut geht. Denn vielleicht geht es diesen Menschen auch nicht gut damit. Vielleicht könnt ihr euch gegenseitig stützen und einfach darüber reden, wie es euch geht. Niemand kann immer nur stark sein und je eher du das einsiehst, desto eher kannst du auch akzeptieren, dass es keine Heilung gibt (und das gilt sowohl für den Betroffenen selbst als auch für die Personen aus seinem Umfeld).

Natürlich kann es auch sein, dass ihr selbst mit euch so weit im Reinen seid, dass ihr eure Krankheit schon akzeptiert habt und euren Blick in die Zukunft richten könnt. Aber akzeptiert, dass das vielleicht noch nicht jeder kann. Wir vergessen oft, wie sehr Menschen leiden, wenn sie völlig machtlos sind und einem geliebten Menschen nicht helfen können.

Gebt euerm Umfeld Zeit

Genau deswegen solltet ihr versuchen, den Menschen Zeit zu geben, sich damit abzufinden. Es kann sein, dass ihr alles eher akzeptieren könnt, als eure Familie. Nehmt euch die Zeit und trocknet Tränen, redet über eure Pläne, über eure Wünsche und eure (neuen) Ziele im Leben. Erzählt ihnen, wie sie Teil deines Plans sind. Wie du mit ihnen zusammen weiterleben und das Beste draus machen willst. 

Illusion nehmen

Aber egal wie gut du mit deiner Situation klar kommst: Es wird immer wieder einen Tiefpunkt geben, in dem du die ganze Welt dafür hasst, dass dir so etwas passiert ist. Und das ist okay. Sei in den Momenten wütend, enttäuscht, traurig und gefrustet. Schäme dich nicht dafür, dass dir Tränen kommen oder du einen Moment lang nicht mal mehr Lust hast, deinen Arsch aus dem Bett zu bewegen. Akzeptieren heißt nämlich auch, dass man lernt, mit genau diese Phasen umzugehen. Und dass man sie geschehen lässt. Der gut gelaunte Krüppel, der den ganzen Tag machen kann was er will, ist eine Illusion. 

Und wie gehe ich mit allem um?

Ich kann von mir behaupten, dass ich akzeptiere, dass ich krank bin. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich damit so richtig klar komme. Mir wurde durch diese Krankheit mein halbes Leben unter den Füßen weggerissen. Was ich mir (beruflich) hart erarbeitet habe, ist nun völlig wertlos. Ich werde wahrscheinlich nur einen Bruchteil von den Reisen machen können, die ich mir vorgenommen habe. Es gibt Tage, an denen ich nicht weiß, was ich den ganzen Tag lang machen soll. Und manchmal frage ich mich auch, mit was ich meine Zeit in der Zukunft verbringen soll. Ich habe noch keine Antwort auf alle Fragen gefunden, die mit so einer Krankheit entstehen. Und ich glaube auch nicht, dass ich für alles eine finden werde. Ich könnte oft einfach weinen, wenn andere von Arbeit sprechen, wenn sie erzählen wo sie am Wochenende überall wandern waren oder wenn ich nur daran denke, dass bald wieder Bundesliga mit Fans erlaubt ist und es so unwahrscheinlich ist, dass ich jemals wieder ein Spiel live sehen kann. Der Prozess des Akzeptierens ist lang, sehr lang. Und leider gehört Schmerz und Trauer dazu. Man hat durch die Krankheit zwar keinen Menschen verloren, aber man hat einen großen Teil von sich selbst verloren. Einen Teil, der nie wieder zurück kommt.  

Sich helfen lassen

Wenn man ein neues Ziel in seinem Leben sucht, vergehen nun mal viele Monate oder auch Jahre. Man kann nicht erwarten, dass man mit einem Fingerschnipsen alles repariert, was kaputt gegangen ist. Ich bin jemand, der Dinge logisch und rational betrachten möchte. Ich brauche dafür Zeit zum nachdenken, damit ich jeden Winkel eines Problems betrachten kann. Danach suche ich nach einer Lösung. Wenn ich selbst keine Lösung finde – egal wie viele Betrachtungswinkel ich schon probiert habe – Dann scheue ich mich nicht davor, um Hilfe zu bitten. Das würde auch für eine Psychotherapie gelten. Aber ich muss der Ansicht sein, dass ich diese Hilfe wirklich brauche. Ich muss auf der Stelle treten und mich im Kreis drehen. Und im Moment bin ich nicht der Ansicht, dass ich das tue. Aber ein wichtiger Punkt dabei ist, dass ich vielleicht auch dabei einen Betrachtungswinkel außer acht lasse. Deswegen ist es wichtig, dass man die Meinung der Menschen in seinem Umfeld respektiert und berücksichtigt. 

Ein paar Worte an die anderen

Ich danke euch allen dafür, dass ihr für mich da seid und dass ihr regelmäßig nach meinem Zustand fragt. Das zeigt mir, dass ich euch wichtig bin und nicht nur einer von vielen Bekannten. Das zeigt mir, dass ich nicht alleine bin und dass ich auf eure Unterstützung zählen kann. Ihr habt es mit mir definitiv nicht einfach. Aber bitte akzeptiert, wenn ich manche Dinge heute machen kann und morgen nicht mehr. Akzeptiert, wenn die einfachste Kleinigkeit wie z.B. Müll rausbringen vormittags nicht geht, aber nachmittags schon. Akzeptiert bitte, dass mein Körper mit einem chronisch leeren Akku zu kämpfen hat. Und bitte nehmt es auch hin, wenn ich aus eurer Sicht unlogisch handle und in gewissen Momenten einfach über meine Grenzen gehe, obwohl ich genau weiß, dass der Rest des Tages Scheiße ist. Bitte helft mir dabei, mich zu bremsen. Aber gebt mir auch ein wenig Freude auf Dinge, die wir zusammen unternehmen können. Denkt bitte für mich mit, überlegt was ich machen kann und was nicht. Helft mir zu leben. Helft mir gegen diese unerträgliche Langeweile, die mich manchmal überkommt. Aber lasst mir auch die Ruhe, die ich für meine Erholung brauche. Und redet mit mir. Sagt mir, wie ihr euch fühlt, wenn ich da bin. Guckt mich nicht nur mitleidig an. Sagt mir, wenn ihr damit nicht klar kommt. Wenn ihr Angst habt, etwas falsch zu machen. Oder wenn ihr einfach Dinge ohne mich machen wollt, weil ihr nicht ständig an alles erinnert werden wollt. Vergesst bitte nicht, dass ihr mir genauso wichtig seid und ich genauso für euch da sein will, wie ihr es für mich seid. Nur gemeinsam können wir alles akzeptieren und in eine glückliche, aufregende Zukunft blicken. 

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