Der erste Rollstuhl

Im vergangenen Jahr wurde meine Gehstrecke immer kürzer und die damit verbundenen Schmerzen immer stärker. Bin ich 500 Meter gegangen, gesellte sich eine Schwäche in den Beinen dazu, sodass ich mein linkes Bein nur noch hinter mir her gezogen habe oder ich das Wissen über die Stellung der Beine verloren habe und dadurch leicht ins Stolpern kam. Einkaufen mit meiner Freundin? Unmöglich. Mal in ein Café gehen in der Innenstadt? Klar, aber nur auf direktem Weg von Parkhaus zum Café und wieder zurück. Auf einen Geburtstag gehen, wo die meisten Leute stehen müssen, weil kein Platz da ist? Ja… geht so semi gut. Ihr seht: So konnte es nicht weiter gehen. Ich wollte mein Leben nicht in der Wohnung verbringen und auch endlich mal wieder etwas mehr unternehmen können. Also habe ich mich dazu entschlossen, mich um einen Rollstuhl zu bemühen. 

Womit fängt man an?

Ich habe mich natürlich zunächst einmal schlau gemacht, WIE ich denn so einen Rollstuhl bekomme. Der Weg ist (eigentlich) einfach: Ich bekomme eine Verordnung von meinem Arzt, gehe damit in das Sanitätshaus und lasse mir entsprechend der Verordnung einen Rollstuhl aushändigen und die Krankenkasse zahlt das Ganze. Ja… so der Grundgedanke. Funktioniert nur leider so in dieser Reihenfolge ohne Beachtung gewisser Dinge so gar nicht. 

Schritt 1: Kontakt zu einem Sanitätshaus aufnehmen

Das größte Problem am Anfang: Man hat noch nie in einem Rollstuhl gesessen (außer vielleicht im Krankenhaus, wo man geschoben wurde) und kennt sich mit den Unterschieden so gar nicht aus. Bevor man aber zu einem Arzt geht, der einem die – passende – Verordnung ausstellt, muss man genau wissen, was man braucht. Dafür ist es wichtig, dass man zuerst mit einem Sanitätshaus spricht, welches sich auch auf die Versorgung mit Rollstühlen spezialisiert hat. Natürlich hat man vorher schon von Leichtgewichtsrollstühlen, Aktivrollstühlen, Elektrorollstühlen usw. gehört bzw. gelesen. Ich bin in meiner Naivität zu einem der größten Sanitätshäuser in meiner Stadt gegangen und wurde direkt bitter enttäuscht: Angeboten wurde mir entweder ein starrer Krankenhaus-Rolli für 200 Euro oder die “Luxusvariante” als Klappbarer Leichtgewichtrollstuhl für 400 Euro. Würde ich eine bessere Bremse haben wollen, müsste ich da nochmal extra draufzahlen. Ich war vollkommen irritiert, weil ich doch gelesen hatte, dass der Rollstuhl – wenn verschrieben – nur die gesetzliche Zuzahlung ovn 10 Euro kosten würde. Ich bin also wieder aus dem Sanitätshaus raus und habe mich über Facebook in einer Rollstuhlfahrer-Gruppe nach einem guten Sanitätshaus erkundigt. Letztendlich habe ich dann eines gefunden und habe dort einen Termin vereinbart, in dem ein Techniker von denen direkt zu mir nach Hause kommt. Dort haben wir dann über 2 Stunden ein Modell getestet, alles ausgemessen und über Vor- und Nachteile bei bestimmten Herstellern gesprochen. Auch wurde immer wieder nach meiner Erkrankung und meinen Einschränkungen gefragt. Nur so kann auch das passende Modell ausgesucht werden. Am Ende von diesem Termin hatte ich dann den Text, der auf die Verordnung musste, vorliegen. 

Schritt 2: Den Arzt überzeugen

In meinem Fall war es gar nicht so einfach, einen Arzt zu finden, der mir das Ding verschreibt. Meine Hausärztin war mit der Situation an sich überfordert, weil sie die medizinische Begründung und Notwendigkeit so nicht begründen konnte und Sorge hatte, dass die Krankenkasse das dann ablehnt. Das UKM durfte mir – vermutlich aus internen Vorgaben – keinen Rollstuhl verschreiben. Also blieb in meinem Fall nur noch ein Neurochirurg übrig, der mich zwar nicht operieren konnte, aber mit mir jedes Jahr die Befunde aus Münster durchspricht. Nachdem ich ihm die Situation genau erklärt habe, hat er dann einer solchen Versorgung zugestimmt. In meinem Fall ist jedoch wichtig: Ich bin  Teilzeit-Rollifahrer und plane auch, das zu bleiben. Ich habe nicht vor, den Rollstuhl auch innerhalb der Wohnung zu nutzen und ich werde auch weiterhin kleine Spaziergänge mit Wilma zu Fuß erledigen. Natürlich tut das weh. Aber es ist eben auch Teil meiner Bewegungstherapie, um die Beweglichkeit und Kraft zu erhalten, die mir noch verblieben ist. Diese Aussage war übrigens dann auch ein entscheidender Grund, warum mein Arzt der Versorgung zugestimmt hat.

Schritt 3: Verordnung beim Sanitätshaus einreichen, auf Genehmigung durch Krankenkasse warten

Das Sanitätshaus erstellt dann anhand der Verordnung ein offizielles Angebot und schickt dieses der Krankenkasse zu. Die hat dann im Normalfall 5 Wochen Zeit, um das Ganze zu Prüfen. Muss allerdings der Medizinische Dienst eingeschaltet werden, verlängert sich diese gesetzliche Frist plötzlich auf unbestimmte Zeit. Schließlich liegt es dann ja am MD und nicht mehr an der Krankenkasse. Alles ziemlicher Bullshit, aber da muss man leider durch. Ich habe insgesamt 4 Monate warten müssen, bis der Rollstuhl  endgültig genehmigt wurde. Dafür musste ich dann persönlich beim MD erscheinen, damit die mich begutachten und die Versorgnung noch einmal hinterfragen konnten. Erstaunlicherweise war das aber alles kein Problem und der Arzt des MD stimmte allem bedenkenlos zu.

Schritt 4: Warten auf die Lieferung

Sobald du den Rollstuhl genehmigt bekommen hast, wird er vom Sanitätshaus bestellt. Leider haben die Hersteller alle unterschiedlich lange Lieferzeiten. Ich habe auf meinen Küschall  K-Series 4 Wochen warten müssen. Zusätzlich wurde dann noch ein individuelles Sitzkissen gefertigt, sodass eine weitere Woche “Verzug” drin war. Und auf den Elektroantrieb (Alber Duodrive) muss ich noch weiter warten, da hier durch die Corona-Pandemie einfach Lieferengpässe aufgetreten sind. Das ist schade, aber eben durch die Globalisierung nicht zu ändern. 

Schritt 5: Testen

Sollte der neue Rollstuhl am Ende doch nicht so richtig passen, zu Breit oder zu schnmal sein, dann reklamiert das Ganze. Es bringt nämlich nichts, wenn man einen so teuren Rollstuhl bekommt, aber er dann einfach nicht richtig passt. Manchmal merkt man das auch erst nach einigen Fahrten, dass etwas nicht stimmt. Ein gutes Sanitätshaus bessert hier dann nach und sucht mit euch zusammen nach einer Lösung.

Schritt 6: Üben

Zu guter Letzt ist es wichtig, dass man den Rollstuhl ausgiebig testet und lernt, damit umzugehen. Ich habe mich bei meiner ersten Fahrt direkt 2 Mal fast auf die Schnauze gelegt, weil eine Stolperfalle da war, die ich als Fußgänger niemals für relevant gehalten habe. Als Rollifahrer sind jedoch kleine Huckel, Schlaglöcher, abschüssige Gehwege oder Fahrbahn-Übergänge oft tückisch und benötigen viel Geschick, um damit klar zu kommen. Ich werde selbst wohl auch einige Wochen und Monate üben müssen, um das immer auf Anhieb erkennen zu können. 

Fazit:

Ich bin im Moment überglücklich, dass ich endlich den Rollstuhl habe. Natürlich ist es für mich im Moment noch sehr anstrengend, weite Strecken damit zu fahren. Einerseits fehlt mir die Kraft in den Oberarmen, andererseits ärgert mich meine Syrinx bei zu großer Anstrengung. Aber ich kann endlich wieder am Leben teilnehmen. Ich kann das Haus länger verlassen, kann wieder weitere Wege zurücklegen, ich kann deutlich besser und auch länger sitzen. Ich bin zwar deswegen jetzt nicht auf einmal vollkommen schmerzfrei, aber ich muss nicht mehr die Schmerzen aufgrund einer Bierzeltgarnitur oder von Klappstühlen in Kauf nehmen. Ich sitze in dem Rolli sogar deutlich bequemer und länger als auf einem Sofa oder richtigem Stuhl. Für mich ist das einfach nur ein Segen und ich kann meine verbliebene Kraft endlich wieder dafür nutzen, um auch mal an längeren Gesprächen teilzunehmen. Und ich freue mich auf jedes einzelne Volksfest, was in Zukunft noch kommt.

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