Vorurteile

Unsere Zivilisation ist leider geprägt von Vorurteilen, die größtenteils durch Unwissenheit oder – noch schlimmer – gefährlichem Halbwissen entstehen. Menschen verbinden Gesehenes mit dem oft dürftigem Wissen über solche Dinge und erlauben sich viel zu oft ein für sie abschließendes Urteil über diese Situation. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Ableismus“. Ich möchte heute mit einigen Vorurteilen aufräumen, die mir besonders wichtig sind.

Warum sitzt der denn im Rollstuhl? Der kann doch noch gehen!

Ein Rollstuhl ist dazu da, um einen Nachteil auszugleichen. Wenn jemand, wie ich, nicht lange stehen oder gehen kann, nimmt man eben dieses HIlfsmittel, um den Nachteil auszugleichen. Und glaubt mir: Das ist kein vollständiger Ausgleich, der einem gesunde Beine zurück gibt. Gleiches gilt auch für die Tatsache, dass bei fehlender Stabilität im unteren Rücken durch Bandscheibenvorfälle oder Arthrose das Sitzen auf herkömmlichen Stühlen oder Bänken nicht zwingend ein positives Erlebnis ist. Ein Rollstuhl – wenn er denn richtig ausgewählt ist – ist einem auf den Rücken angepasst und stützt um einiges Besser, als es ein Stuhl kann. Deswegen nutze ich auch bei „Sitzpartys“ den Rollstuhl, da ich durch diesen dann deutlich länger sitzen und an der Veranstaltung teilnehmen kann. 

Rückenschmerzen? Dagegen kann man doch Medikamente nehmen oder sich operieren lasssen.

„Einfache“ Rückenschmerzen lassen sich oft mit leichten Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Paracetamol oder Diclofenac behandeln. Letzteres ist oft auch in Salben wie z.B. Voltaren Schmerzgel enthalten. Das liegt daran, dass diese Art der Schmerzen oft durch muskuläre Verspannungen in Folge einer Überbelastung entstehen. Durch leichte Bewegung lässt sich das dann wieder in den Griff kriegen. Andere Schmerzen kommen hingegen von Bandscheibenvorfällen. Dagegen kann man tatsächlich eine OP in Betracht ziehen, wenn die Schmerzen sich durch den zuvor genannten Weg nicht lindern lassen. Allerdings ist eine OP kein Allheilmittel und verspricht auch nicht immer Erfolg. Chronische Schmerzen halten oft auch nach einer OP an, da Nervengewebe beschädigt wurde und nicht mehr repariert werden kann. Bei chronischen (Nerven-)Schmerzen helfen leider auch Medikamente nur bedingt. Einem bleibt letztendlich nur übrig, sich mit den Schmerzen zu arrangieren und sein gesamtes Leben so einzustellen, dass man damit weiter machen kann. 

Du sitzt im Rollstuhl? Dann könnt ihr ja auch gar keine Kinder kriegen.

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Dieses Vorurteil rührt daher, dass ein Bruchteil der Rollstuhlfahrer eine Querschnittslähmung haben, die auch die Sexualfunktion betreffen. Das ist aber nunmal nicht bei jeder Erkrankung so, die einen in den Rollstuhl bringt.

Wie willst du dich mit deiner Behinderung denn um Kinder kümmern?

Eine Schwerbehinderung bedeutet nicht, dass das Leben vorbei ist. Ja, ich bin auf Hilfe angewiesen. Diese Hilfe bekomme ich oft in Form von Muskelkraft anderer, aber auch durch Einfallsreichtum und durch das Nutzen von Hilfsmitteln. Ich bin nicht bettlegerig und kann mich mit entsprechenden Pausen und Rücksicht auf meinen Körper sehr wohl um Kinder kümmern. Natürlich kann ich ein Kind nicht vollständig alleine Versorgen. Das kann ich ja für mich selbst auch nicht mehr. Aber durch entsprechende Hilfe von Partner und Umfeld ist auch das Beaufsichtigen und Erziehen von Kindern für Schwerbehinderte Menschen ohne Einschränkung möglich. 

Warum parkst du denn nicht auf dem Behindertenparkplatz? Du hast doch einen Rollstuhl!

Der Rollstuhl alleine berechtigt nicht dazu, auf einem Behindertenpartplatz zu parken. In den vergangenen Jahrzehnten ist es viel schwieriger geworden, den entsprechenden Parkausweis zu bekommen. Entscheidend ist hier der Schwerbehindertenausweis, der entsprechend ein Merkzeichen für eine außergewöhnliche Gehbehinderung (aG) enthalten muss. Da ich noch einige Meter gehen kann, habe ich diese Gehbehinderung nicht eingetragen bekommen. Ich muss deswegen genauso auf normalen Parkplätzen stehen, wie alle anderen auch. Was das jedoch für mich bedeutet, erzähle ich euch in einem anderen Beitrag. 

Oh, so krank ist er also. Naja, ihr seid ja noch nicht verheiratet. Ist dann ja noch nicht zu spät.

Diesen Satz (oder so ähnlich) hat meine Freundin schon einmal zu hören bekommen. Ich nehme das hier bewusst mit auf, da ich diese Aussage verletzend und beschämend finde. Verletzend nicht für mich, sondern für meine Freundin. Denn dieser Satz stellt bewusst in Frage, dass meine Freundin sich für mich entschieden hat. Er sagt aus, dass man einen behinderten Menschen ja nicht lieben kann und es ein Fehler wäre, sich mit diesem dauerhaft in Form einer Hochzeit einzulassen. Auch wenn diese Person eigentlich ein guter Mensch ist, zeigt solch ein leichtfertig gesagter Satz doch auch, wie engstirnig und unwissend diese Person ist. 

Fazit

Das ist nur eine kleine Auswahl an Vorurteilen, die sich bestimmt um viele andere Fälle erweitern lässt. Aber sie zeigt, dass Menschen oft erst etwas behaupten, ohne die Hintergründe zu erfragen. Ich bin absolut nicht böse, wenn mich jemand gezielt darauf anspricht und fragt, ob irgendetwas noch geht oder nicht. Denn das zeigt, dass ein Mensch sich Gedanken dazu macht und ein Interesse an den Umständen hat. Und genau das sollte eigentlich in unserer Gesellschaft, die ständig über Ableismus diskutiert, viel mehr Bedeutung haben. 

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